Porträt der Künstlerin Jennifer Sonntag

Jennifer Sonntag

Herzlich willkommen,

ganz lieben Dank an Jennifer für dieses wunderbare Künstlerinnenporträt!

KÜNSTLERinnenPORTRÄT Jennifer Sonntag

Ich freue mich sehr, mich auf dieser wunderbar vielfältigen Plattform vorstellen zu dürfen. Mein Name ist Jennifer Sonntag. Ich bezeichne mich selbst gern als Patchwork-Decke, zusammengenäht aus Autorin und Moderatorin, Inklusionsbotschafterin und Sozialpädagogin.

Als Autorin habe ich inzwischen sechs Bücher veröffentlicht. In meiner Rolle als Moderatorin interviewe ich seit 2008 für das MDR-Magazin „Selbstbestimmt!“ prominente Gesprächsgäste aus Sicht einer blinden Frau. Mein kleines Talkformat heißt „SonntagsFragen“ und ich bin überglücklich, dass es sogar mit dem Mitteldeutschen Inklusionspreis ausgezeichnet wurde. Als Inklusionsbotschafterin engagiere ich mich bei der Interessenvertretung „Selbstbestimmt Leben in Deutschland“ (ISL) und veröffentliche Beiträge rund um Teilhabe und Barrierefreiheit bei „Kobinet“, einer Nachrichtenplattform für Menschen mit Behinderung, die auch von Menschen mit Behinderung gestaltet wird. Die Sozialpädagogin in mir bringt sich als Peer Beraterin und auch mit ihren kreativen Ideen in die unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) für Menschen mit Behinderungen ein. Ich lege sehr viel Wert darauf, meine Kreativität stets in mein fachliches Wirken einfließen zu lassen und umgekehrt.

Zu meinen persönlichen Lieblingskünstlerinnen gehört ohne Zweifel die Malerin Frida Kahlo, da sie ihr Leben, wie auch ich, mit zum Teil starken Schmerzen bewältigte und ihr die Kunst dabei eine starke Stütze war. Mein Lieblingsbuch ist der Roman „Schon immer ein Krüppel“ von Benjamin Schmidt, einem befreundeten Autor von mir. Benjamin überlebte einen Suizidversuch, ist seither querschnittsgelähmt und zum Teil auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Literatur geht unter die Haut und durch ihn lernt man Kreativität als Droge im ganz lebensbejahenden Sinne intensivst zu schätzen.

Ich selbst bin durch meine Erblindung zur Kunst gekommen. Ein kreativer Mensch war ich schon immer. Viele Techniken im gestaltenden Bereich funktionierten ohne Augenkontrolle jedoch für mich nicht mehr. Ich entdeckte das Schreiben und bewältigte damit meine Erblindungsschübe dank meines sprechenden Computers. Jahre später wagte ich mich mit meinem sehenden Partner sogar wieder an Kohle- und Kreidestifte. Aber das erfordert blind natürlich ein anderes Herangehen. Auch mit FotografInnen habe ich in verschiedenen Projekten eng zusammengearbeitet, um mir der Wirkung optischer Inszenierungen bewusst zu bleiben.

Meine Buchthemen sind sehr vielfältig, denn auch ich habe viele Gesichter. Mein Erstlingswerk „Märchenland im Müll“ befasst sich mit der Straßenpunk- und Drogenszene meiner Heimatstadt in den 90-er Jahren. Der Tatsachenbericht ist heute noch als mp3-Hörfassung bei „Periplaneta“, unter dem Pseudonym Constance S. erhältlich. „Verführung zu einem Blind Date“ und „Hinter Aphrodites Augen“ beleuchten speziell die Blindheitsbewältigung und das blinde Frausein. Ersteres beantwortet die am häufigsten gestellten Fragen, die im Bezug auf meine Erblindung an mich herangetragen wurden. Zweiteres versteht sich als Anthologie, in welcher ich über 20 blinde Frauen zu ihrem Schönheitsempfinden zu Wort kommen lasse. Beide sind in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig noch als Daisy-Bücher erhältlich. Danach werde ich literarischer und vor allem erotischer in: „Zigaretten danach“ (DZB) und „Liebe mit Laufmaschen (Periplaneta).

Mein jüngstes Buchprojekt ist ein Psychiatriemärchen, das „Seroquälmärchen“, veröffentlicht bei „Outbird“. Es thematisiert den heiklen Tanz zwischen Selbstbestimmung und Stabilisierungsmedikation und macht auf schlechte Teilhabebedingungen für Menschen mit Behinderungen in therapeutischen Einrichtungen aufmerksam:
https://shop.outbird.net/produkt/jennifer-sonntag-franziska-appel-seroquaelmaerchen/

Aktuell wird gerade in der DZB Leipzig meine verschriftlichte Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“ produziert, welche zur Buchmesse 2019 präsentiert wird. Hier geht es um die Selbststärkung blinder Frauen und auch hier bediene ich mich wieder zahlreicher literarischer Bilder. Frausein mit Behinderung scheint für mich doch ein Thema zu sein, welches mich immer wieder fachlich und künstlerisch fordert.

Ich wünsche mir weiterhin einen so durchbluteten und beflügelnden Austausch mit meinen KreativpartnerInnen, z.B. mit Franziska Appel, die auch mein letztes Buch liebevoll illustrierte, und ein bereicherndes Netzwerk, welches einen farbenfrohen Austausch ermöglicht.

In der Vergangenheit war ich sehr Lesungs-aktiv. So realisierten wir z.B. die legendären Dunkel-Lesungen am Neuen Theater in Halle, die immer ausverkauft waren. Mit meinem Buch- und Lebenspartner Dirk Rotzsch startete ich eine erotische Lesereihe. Ich bin nicht so der Bühnentyp, was man sich bei einer Moderatorin immer nicht so recht vorstellen kann. Zukünftig freue ich mich aber wieder auf einige neue Lesungskonzepte im Zuge der Teilhabe-Kultur, die ich mitgestalten darf.

Interessierte finden mich auf meinen Seiten:
http://www.blindverstehen.de und http://www.Liebe-mit-Laufmaschen.de

Liebe Grüße

Paula Grimm

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